Die Entdeckungsgeschichte
von Ignaz Lachners Concertino für die Oboe
Angesichts der knappen Spezialliteratur für die Oboe weckt die Aufführung
eines unbekannten Werkes stets besonderes Interesse, denn dieses
Instrument wurde von den Komponisten des 19. Jahrhunderts wahrlich nicht
verwöhnt. Die Uraufführung fand am 12.Juni 1992 in der Rudolf–Oetker–Halle
in Bielefeld mit dem Solisten Takeshi Suzuki und dem Philharmonischen
Orchester der Stadt Bielefeld unter der Leitung von Rainer Koch statt.
Takeshi Suzuki spielte das Konzert 1993 ein weiteres mal in Kioto (Japan),
jedoch fand danach keine weitere öffentliche Aufführung statt. Die
Entdeckung von Ignaz Lachners Oboenkonzert, dessen Auffinden im
Nachlaßschrank eine eigene Geschichte wert ist, versuche ich aus
Erzählungen Familienangehöriger nun zu rekonstruieren.
Leider
wissen wir nicht wann, wo und möglicherweise für wen Ignaz Lachner (1807 –
1895) sein Concertino komponiert hat. Wir können davon ausgehen, daß es
vor der Uraufführung keine Aufführung gegeben hat, denn es existiert nur
die Partitur im Autograph. Bis heute fanden sich keine Orchesterstimmen.
Hinzu kommt, daß das Konzert auch in dem gedruckten Werkverzeichnis fehlt,
das Harald Müller 1974 als Anhang zu der Schrift
Ignaz Lachner – Versuch einer Würdigung heraus
gab. Dem Lachnerforscher Harald Johannes Mann aus Rain am Lech, der
Geburtsstadt von Ignaz Lachner, war dieses Werk ebenfalls unbekannt.
Mitte der siebziger Jahre, so erzählte es mir meine Tante E. Lachner,
entdeckte sie in der hintersten Ecke eines großen und sehr tiefen
Bücherregals einen Stapel alter Noten von diversen Komponisten, unter
anderem von Franz, Ignaz und Vinzenz Lachner, hinterlassen von ihrem
Schwiegervater Dr. Franz Lachner (1891-1964), meinem Großvater. Dabei fand
sie ein altes Album mit der Aufschrift:
Concertino
für die Oboe
von
Ignaz Lachner
Es
handelte sich hierbei um die handschriftliche Partitur, die seit dem Bau
des Hauses meines Großvaters im Jahre 1928 unbeachtet dort gelegen hatte.
Mein Großvater wiederum erbte die Noten aus dem Nachlaß seines Vaters Karl
Lachner (1851-1926), Direktor der Kunstgewerbeschule in Hannover und
jüngster Sohn von Ignaz Lachner.
Da das
Werk bisher noch nicht im Druck erschienen war, machte ich es mir zur
Aufgabe, einen Verlag zu finden, der es veröffentlicht. Im Oktober 2000
lernte ich den Verleger und Solo-Oboisten Bernhard Forster kennen, der
sich mit der Herausgabe noch nicht veröffentlichter Literatur für sein
Instrument beschäftigt. Er bekundete großes Interesse und machte sich
sofort an die Arbeit, so daß uns heute dieses wunderschöne Werk vorliegt.
Am 18. Januar 2002 wurde das Oboenkonzert nach dieser Ausgabe mit dem
Solisten Bernhard Forster und dem Westsächsischen Symphonieorchester in
Leipzig wieder aufgeführt.
Bodo
Lachner
(Ururenkel von Ignaz Lachner)
Klangbeispiel

Ausschnitt Satz 1

Partituranfang
Über Ignaz Lachner:
Am 17. September 1807 wurde Ignaz Lachner in Rain am Lech geboren. Sein Vater Anton Lachner, der Organist an der katholischen Rainer Stadtpfarrkirche war, lehrte seinem Sohn Ignaz schon früh das Klavier-, Orgel-, Violine- und Violaspiel. Nach diesem privaten "Musikstudium" zog es ihn hinaus in die weite Welt. Als 16-jähriger ging er nach München und spielte als Geiger am vorstädtischen Isartor-Theater. 1824 holte ihn sein Bruder Franz nach Wien und verschaffte Ignaz die Stellung des Organisten an der ev. Kirche. In Wien gehörte er bald zum Freundeskreis um Franz Schubert, der ihm ein sehr guter Freund war. Ein Jahr später wurde Lachner 2. Kapellmeister des Orchesters der Wiener Hofoper. 1831 ging er nach Stuttgart und wurde Hofmusikdirektor. Hier komponierte Ignaz einige seiner bekanntesten Werke, u.a. die Oper "Die Regenbrüder" nach einem Libretto von Eduard Mörike. Einem Ruf aus München folgte Lachner im Jahre 1842 und nahm die Stellung als 2. Kapellmeister der Hofoper an. 1853 ging er nach Hamburg und wurde 1. Kapellmeister des Stadttheaters. Nach fünf Jahren fand Ignaz Lachner als Hofkapellmeister am Königlichen Theater in Stockholm eine neue Position, kehrte jedoch im Jahre 1861 wieder nach Deutschland zurück, nun als Leitender Dirigent in Frankfurt am Main. Hier wirkte er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1875. 1884 zog Ignaz zu seinem jüngeren Sohn Karl nach Hannover, um seinen Lebensabend zu verbringen. Hier starb Ignaz Lachner am 25. Februar 1895. Bis zu seinem Tod komponierte er eifrig weiter, schrieb vor allem Kammermusik, so daß er es auf über hundert Kompositionen brachte.
Bodo Lachner
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